Bronzestatue Josef Deifl in Essing im Altmühltal


Josef Deifl, der Infanterist

aus Essing im Naturpark Altmühltal



Eines der seltsamsten Bücher in unserem Land hat einer geschrieben, der der hochdeutschen Sprache nur in geringem Maße mächtig war, ein sehr schlichter Mann aus Essing, ein Eisenarbeiter, ein gewester Soldat - der Josef Deifl (die Schreiberlinge beim Militär schreiben feiner, hochdeutschgemäßer, nämlich "Deifel". Schließlich gibt der Deifl auf und schreibt "Deifel").

Nach der Pfarrmatrikel ist er am 14. November 1790 in Essing geboren, und sein Vater ist der 1758 geborene, gleichnamige Josef Deifl, Zrinner im Hammerwerk Nußhausen. Der junge Deifl wird wiederum Zrinner, das heißt einer das Eisen zerrinnen macht, ein Eisenschmelzer im nahen Nußhausen am Fuß der Burg Prunn (jenem Werk, das mit dem Bau des Ludwig-Donau-Main-Kanals bis auf den letzten Stein verschwand). Von Deifl selbst wissen wir, daß sein Geschlecht von der Jurahöhe herabkommt, vom Einödhof Riedhof in der Gemeinde Randeck, das im "Schadenkrieg" (=Schwedenkrieg) so verwüstet wurde, daß die Deifl als Tagelöhner nach Essing herabzogen in ein Häusel, "das heint noch beim Ritt-Märtl" heißt (Ritt=Ried).
In dem Kapitel seines Buches "Das Lebens-Schnücksal beginnt" berichtet Deifl von seiner Familie, und er tut mit jener Offenheit, jenem naiven Zwang zur Wahrheit, wie es für jeden Satz charakteristisch ist, der aus seinem Gänsekiel kommt.

Meine Mutter, eine geborene Korndorfer 1759, starb 1823 seligen andenkens. Dank, Dank, abermals Dank für ihre armselige Mühe. Gott wird sie Ewig dafür belohnen wie ich glaub und hoff, denn ihr Bestreben war Tag und Nacht, uns zu ernähren. Es waren unserer 6 Geschwister.
Sie lebten arm aber redlich. Keines durfte betteln, in allen schweren Zeiten nicht, die sie hatten, Krieg, Teuerung und besonders Krankheiten. Sie können mir keine besondere Erziehung geben als arbeiten. In die Schule komm ich sehr wenig, denn als klein mußte ich als der Ältere die Kleinen besorgen, Holz sammeln und den Vater das Essen tragen in die Fabrik.


Wie er dann seine Jugend darstellt und markiert und mit den großen politischen Verhältnissen verbindet, ist bemerkenswert - ein selbständiger politischer Kopf kündigt sich an:


1800  die Franzosen kommen zu uns. Aus Forcht flüchten wir in die Berge
1801  Separat Friedensschluß zu Baris
1802/03  Kloster-Dekretierung, Kirchen-Demolierung
1804  starb unser Bruder Andreas
1805  Ich kam nach Ingolstadt zur Schanzarbeit
Die Franzosen haben sich einen Kaiser erkoren, Imperator Nabolion
Österreich wird schnell geschlagen, 6 Tag, und dieser Feldzug heißt der 61-tägige Krieg. Dann die Schlacht bei Austerlitz, da hats geblitzt, da haben die Russen Blut geschwitzt.
1806  Max Josef wir zum König ausgerufen, den 1. Jänner. Die Schlacht bei Jena zersteubte die Preußen. Noch heinte gedenken die Preißen den Baiern diesen Feldzug.
1807  Am Ende des Jahres kommen die baierischen Truppen wieder zurück. Ansbach wird bairisch.
1808  Fried - gute Tage hofft jedermann.
1809  Kriegszeit nimmt bey mir seinen Anfang und dem ganzen Vaterland.

Der Krieg von 1809

Am 27. Februar 1809 hat er sich in der Kreishauptstadt Straubing "zu stellen" (und zwar für einen, der sich mit Geld vom Militärdienst loskaufte). Am nächsten Tag marschiert er mit 300 Mann unter 2 Unteroffizieren nach Landshut. Und so kommt der junge "Gras-Deifl" gerade recht zur Aufstellung für die große Napoleons-Schlacht gegen Österreich. Beim ersten Schuß steht er in Landshut "an der Pappiermühl, es kracht an der Lendbrücke zum ersten. So wurde gegenseitig fort und fort geantwortet, aber nicht allzu lang. Herr Generalleutnant Deroy findet sich zu schwach und zieht sich in der allerschönsten Ordnung zurück nach Altdorf und Siegenburg".

So ist Deifl in der Schlacht bei Abensberg dabei und in den Kämpfen bei Eggmühl, erlebt und erleidet den Krieg in seiner Heimat und die seinem Wesen vollständig fremde Kriegsmoral. Das Strategische, wie Napoleon die Truppen bewegt, die Kanonen einsetzt, die Reiterregimenter in die Schlacht wirft, interessiert den Deifl wenig. Er sieht vor allem das Menschliche. Daß Napoleon z.B. "die reiche Stadt Regensburg denen Franzosen zum Blindern (=Plündern) verheißen hat, wenn sie bis 12 Uhr erobert ist" - und um 10 Uhr war sie schon erobert! Das ist es, was ihn zum Aufschreiben treibt, das ist ihm unvergeßlich!


Der Tyroller Krieg

"Gute Nacht, Schnepf, morgen gehts ins Tirol!" schreibt Deifl Anfang Mai 1809. Vierzehn Monate wird der Krieg gegen die "Bauernsoldaten" dauern und drei Einmärsche brauchen, ein grausam-erbitterter Krieg. Der junge, aufgeweckte Deifl hat alle Sinne geöffnet, die vielen neuen kriegerischen, landschaften, volkskundlichen Erfahrungen einzufangen, z.B.
"Das Hängen der Tiroler"
"Eine solche Geschichte sollte ich, da ich es weiß, auch beschreiben für die Zukunft - da schadert es mich! Ich drücke Augen und Ohren zu schreib es:
Dort an der Ziller Brück werden 9, sage neun, Tyroller aufgehängt, wegen der Frag, ob sie Bairisch werden wollen. Antwort: Nein, lieber kaiserlich sterben als Bairisch werden!
Sodann werden sie aufgehängt in denen dort stehenden Erlenbäumen. Ein Bai. Kanonier erfüllt den Befehl. Ich weiß es nicht recht, wer den Befehl gab - es war auch ein französischer General da, Droet, oder wie es die Franzosen schreiben.
Wir Baiern sin alle Kriegsknecht - und doch sind sie es recht sehr gern, besonders am Anfang."


Deifl macht sich gern selbst zum Gegenstand seiner Betrachtung:

"Alles lauft dem Markt Zirl zu. Ich laufe auch, aber es bricht der Knopf von der Unterhose und hielt mich an. Ich muß dieselbe herausnehmen und festbinden. Also habe ich die Arirgard (Nachhut) - niemand mehr ist hinter mir als Tyroller - ich laufe.
Vor Zirl wird gelagert, ich aber werf jetzt mein Karakter nieder - oder er fällt mir hinweg vor lauter Mattigkeit, denn es wird jetzt beynahe 24 Stunden, daß nichts über mein Herz gekommen als Wasser. Ich leg mich in einen Gethreid-Acker ganz für mich und denk mir was. Es werden Namen gerufen vom Feldwebel auf Biqet, aber niemand war noch da, nur einer.
Auch mein Name wird gerufen. Auch dieser nicht! rief der Feldwebel Vogel. Ich höre es - aber zu elend zum Aufstehen"


Alles Befremdende in der Tyroler Landschaft, in Volksleben und Arbeitsweisen beobachtet der Essinger Soldat interessiert und schreibt es auf mit seinem Sinn für das Anektotische und sprachlich Geprägte:

"Wie sie es uns erzählen und wie wir selbst sahen, so sind ihrer sieben lebendige Geschöpfe, wenn das Feld angebaut wird, also:
der Knecht hat den Pflug, ist einer;
der zweite ist beim Ochsen oder Pferd zum Antreiben:
der dritte legt sich auf den Pflug, grindeln, daß der Pflug sehr tief in die Erde geht;
der vierte hat einen Rechen und tut den Dünger in die Furchen hinein;
der fünfte tut säen;
der sechste ist der Bauer, der tut nichts als hintnachbrummeln;
der siebte ist der Ochs oder das Pferd."


Am 5. Mai 1810 kommt der Infanterist mit seinem 5. Regiment in die Landshuter Garnison zurück mit völlig zerrissener Montur, so daß er sich schämt, damit in die Stadt zu gehen. Der Staat ist so verarmt, daß er weder Geld noch Uniform geben kann. Da schreibt er dem Vater um Geld.

"Er schickt mir ein wenig, denn er kann auch nicht, weil er immer Einquartierungen und Lieferungen hatte, er war selbst sehr arm. Die Mutter schickte mir Leinwand, ein seidenes Tüchl und Wäsch. Dann war ich ein Soldat, daß sich der Herr Hauptmann und alle freuten!"

Und was hat der Deifl vom Tiroler Feldzug 1809/10 mit heimgebracht?

"Mein Beute ist ein Schatull voll gedrerrter Weichsel und ein geschriebenes Gebetbuch, das schon vor mir ein Nichtkatholik in den Händen hatte."


Feldzug nach Rußland

1812 liegt das 5. Regiment in Nürnberg. Am Himmel ist ein "großer Kometstern zu sehen, wie ein Pfauenschweif gestaltet", und die Soldaten bangen vor einem Unheil. Nicht lang, und schon ist das Unglück da: der russische Feldzug.
30.000 Bayern haben die linke Flanke des napoleonischen Vormarsches von einer halben Million Soldaten zu bilden. Der 22jährige Deifl beschreibt, was ihm zu Gesicht kommt, den Weg durch Sachsen, Schlesien, Bollen (Polen), die Zahl der täglich marschierten Stunden, Name und Charakter seiner Offiziere, seiner Kameraden mit ihren Heimatorten, die Rasttage, die Zwischenfälle, die Flußübergänge, die Begegnung mit Polen, Juden, Russen.

"Wir haben vieles, vieles ertragen. Der Bollnischen Pferd haben wir 12 an einen 4-spännigen Wagen dartun müssen. O Elendszeig! Pferde wie die Geißböcke, mit lauter Stricken und Linnenbanden eingespannt. Tag und Nacht waren wir auf dem Weg und mit größter Gefahr."

Während Napoleon schon auf Moskau zumarschiert, sind die bayerischen Truppen in einem verlustreichen Gefecht bei Polozk abgeschnitten. Es wird "der bairische Todespfuhl". Die Armee bekommt 10 Sterne der französischen Ehrenlegion, einen für einen Gefreiten, "über den sie nicht hinüber konnten", die anderen für die Offiziere. Dieses Gefecht hat dem 84jährigen bayerischen General Döroy das Leben gekostet, wie auch dem niederbayerischen Obersten Graf Preysing.
Bei Grodno-Wilna hat der Vormarsch ein Ende. Der Mangel jeglicher Nachrichtenverbindung und der Ausfall einheitlicher militärischer Führung schuf mit dem harten Winter in wenigen Tagen Haufen von Flüchtenden und Heere von Bettlern.

"Hier in Wilna muß alles verlassen werden, Tote und Halbtote, alles Gepäck, Kanonen und Munitionswägen, die ehrenvollen bairischen Regimentsfähn, wo viele die Türkenkriege mit beigewohnt haben.
Alles löst sich auf in allergrößter Unordnung, fallen hin durch Kält und Kugel, so daß die Toten hoch dalagen vor dem Tor."


Als Napoleon schon auf dem Rückmarsch war, lag Deifl bei "Merwitz". Eines Morgens kochten sich Deifl und seine Kameraden in einem Judenhaus eine Suppe. Da kam ein Mann zur Tür herein,

"sehr behutsam, das Haupt gesenkt. Er sieht keinen von uns an, leise schlich er zum Feuer, und stellte sich zu meiner Rechten zwischen mir und Probst. Ich erkenn an ihm einen Franzosen.
Nur 5 bis 6 Minuten, dann geht er wieder ab, ohne etwas mit uns zu sagen, mit gesenktem Haupt geht er wieder zur Tür hinaus.
Aber kaum hat er die Türe geschlossen, da schrie der Kürassier: Kameraden, Brüder! Der Kaiser Naboleon, der Naboleon ist das gewesen, der da stand am Feuer! Und Naboleon bestieg einen gemainen Schlitten, auf dem ein zweyter saß. Vielleicht ein dritter vorraus, um den Strom (Memel) zu spionieren, ob er fahrbar sei oder nicht".


Militärfachleute haben diese Begegnung mit Napoleon manchmal bezweifelt, andere hielten sie für durchaus möglich, besonders wenn man bedenkt, daß mit dem Ort Merwitz Hör- oder Schreibfehler hereinspielen könnten.
Deifl aber war noch lange nicht daheim, erlebte schwere körperliche Niederbrüche wurde 3 Monate noch eingesetzt zur Verteidigung der Festung Thorn, wird verwundet bei einem Ausfall und kommt ins Spital.

"Wie es mir ergangen war, das weiß nur ich und jene, die noch dort waren, unter den Französischen Doktoren und Bolnischen Wärtern. Viele sind noch gestorben oder umgebracht worden. Beynah das ganze Monat mußte ich in Krücken einhergehen, kein Kraft kommt in meine ermatteten Glieder."

Schließlich wird Deifl noch gefangengenommen, die Hände auf den Rücken gefesselt, dem verhungern nahe, gelockt von Angeboten, in andere Armeen einzutreten.

"Mein Vater und Mutter sagten allzeit beim Abschied, wenn ich in Krieg fortziehe, daß ich halt nicht desertieren sollt, lieber den Totenschein, als eine solche Nachricht."

Im April 1814 kommt der Deifl von dem 25 monatigen Fußmarsch wieder nach Essing zurück.

"Die Freid war groß. Sie hätten ihr ganzes Häusl nachgeschickt, als sie hörten von unserem großen Elend. Viele Eltern kommen von fern herbey und fragen nach ihren lieben Söhnen, aber die meisten vergebens.
6 Kameraden aus meinem Ort sind unser vor 2 Jahren nach Norden - ich allein kam zurück."


Frankreichfeldzug

Der Urlaub in Essing dauert bis zum nächsten Krieg - und der war schon im März 1815. Die letzte Schlacht gegen Napoleon! Das 5. Regiment wird an der Südflanke eingesetzt, "über Saarbrücken auf Baris zu". Ein Marschier-Krieg, ein Franktireur (Heckenschützen) - Krieg. Ein Spalier-Krieg vor allerlei Fürstlichkeiten (die dann nicht kamen, wenn man schon halbe Tage aufgestellt wartete). Bei Troyes ("sprich Troa", belehrt Deifl) kam die Nachricht von dem entscheidenden Sieg über Napoleon bei Waterloo. Am 3. Dezember trifft Deifls Regiment in Nürnberg ein, und am 8. Dezember schreibt er:

"Nach Haus! Kein Abschied, kein Geld, kein Dank, kein Zeichen! Ein Zertivikat bekommt jeder Mann über sein Guthaben.
Der ewige Friede wird uns belohnen, er ist mit Geduld durch Gottes Hilfe erkämpft."


Essing - Riedenburg - Landshut

Seit Dezember 1815 ist der ausgediente Soldat Deifl wieder in Essing und arbeitet in Nußhausen. Über die nachfolgenden Jahre wissen wir wenig. 1823: "Ich muß vielmals die ganze Nacht arbeiten auf meinem Zrennherd." 1825 steht seine Verehelichung in der Matrikel. Dann taucht sein Name nur mehr im Fleischbeschau-Manuale auf, wenn er, wie ortsüblich ein Schwein schlachtet und ihm dafür 10 Kreuzer angeknöpft werden. In der Öffentlichkeit scheint Deifl nicht hervorgetreten zu sein - wenigstens stößt man seinen Namen in keinen Protokollen, Strafbüchern und ähnlichem.
1832 zeiht Deifl nach Riedenburg, um im dortigen Hammer als "chimischer Zrenner" zu arbeiten. 1838 verzieht er nach Landshut in Pension.
Warum nach Landshut? Man weiß es nicht. "Alte, geliebte Garnisonstadt", schrieb er früher einmal. Traten gesundheitliche Folgen des russischen Feldzuges auf? Suchte er alte Kameraden? Man weiß nur, daß er vergeblich um eine Kriegsrente nachsuchte und daß ihm verschiedene Pläne mißglückten, so daß er sich mit der Anfertigung von Flecklschuhen und mit Körbelzäunen durchs Leben schlagen mußte.
Deifl hat so ziemlich sein ganzes Leben geschrieben. Zum Ende der Münchner Handschrift schreibt er: "Zum Beschluß des heintigen Tages, als meinem Geburtstag. Da ich 21.914 Tage alt bin." Das war sein 60. Geburtstag.
Zur Eröffnung der Befreiungshalle am 18. Oktober 1863 in Kelheim, dem 50. Jahrestag der Schlacht bei Leipzig, hat der bayerische König auch die letzten Veteranen aus dem napoleonischen Rußlandfeldzug eingeladen. Bei diesem Besuch hat Josef Deifl in das Gästebuch geschrieben, in gebundener Form, wie er das öfter auch in seinen Aufzeichnungen tat:

"Von diesem Berg da nicht weit
war der Geburtsort mein.
Daher besuch ich ihn heut
und will mich kindlich erfrei´n.

Ich, ein alter Veteran,
hab vielmal mitgekämpft
Als junger Kriegersmann,
Zuletzt den Widerich gedämpft.

Deifel Josef ich mich nenn,
Neunziger Jahr bin ich geborn,
Essing als Geburtsort kenn,
Nichts (er-)arbeit, nichts verlohrn!"

Als der König vor der Befreiungshalle an den Rußlandveteranen vorüberschritt, da blieb er bei einem kleinen Mann mit sehr langem, weißen Bart stehen und unterhielt sich mit ihm. Das war der Infanterist Deifl, und das war wohl die hellste Stunde in seinem kleinen Leben.
Als Sterbedatum wurde bisher immer der 1. Mai 1864 angegeben. Der Eintrag in die Sterbematrikel der Landshuter Pfarrei Sankt Jodok aber sagt folgendes aus:
Josef Deufel, Hausbesitzer, kath., Witwer
in Hagrain Nr. 1 1/2
gestorben 29. April 1864
Beerdigung 1. Mai.


Deifls Arbeitsweise

Wie Deifl als Schreiber arbeitete, kann man in etwa den Texten des offenherzigen Autors entnehmen. In Polen beklagt er, daß er "Zettel" verloren hätte, also Bleistiftaufzeichnungen. In der Essinger Ausgabe erzählt er, daß er als Schreibunterlage oft den Gewehrkolben benutzte. Wie der allerdings die russischen Aufzeichnungen nach Essing brachte, kann man sich kaum vorstellen.


Der schreibende Deifl

Josef Deifl, der Infanterist und Zrinner, war ein leidenschaftlicher Schreiber, einer, der schreiben mußte. Wofür schrieb dieser kleine Mann eigentlich? Er schrieb zunächst für sich selber, um sich selbst darzustellen, um sein Leben festzuhalten. Daß er drei Exemplare schrieb, verrät freilich auch, daß er über sich hinauswirken wollte, daß seine Erfahrungen nicht vergessen würden. Im Grunde wollte er die Menschen ändern, erziehen, bessern.

"Alles was da geschrieben ist, war zugunsten des ewigen Friedens.
Es handelt sich mehr nach Zukunft, als wegen der Vergangenheit."


Wie schätzte Deifl sich selbst ein ?

"Ich weiß es im vorraus, daß ich mit meinem so vielen Dahinschreiben nichts Vollkommenes zustandebringen kann, denn ich war nicht fähig noch belehrt dazu. Allein mein einziges Tallent wollte ich dennoch nicht unter die Erde vergraben - wie jener Knecht im Evangelium. Es handelt sich auch nicht um Großtun, oder auch nicht um etwas zu verkleiner. Alles was mich betrifft, ist die reine Wahrheit; besondes so weit mein Auge reicht, ist mein Herzlicht. Auch kann mir die Ortogravie und Kallegrahvie leicht nachgesehen werden, denn ich bin kein gewandter Schreiber, obwohl ich dennoch die meisten unrichtigen Wörter selbst erkenne. Denkt euch viel mehr, als ihr liest! Denn das Schreiben ist keine Kunst, nur das Lesen."

Wer Deifl die Schreib- und Sprachlehrfehler ankreidet, sähe ihn nicht richtig. Er schreibt kein Sprechdeutsch oder gar Buchdeutsch, er schreibt wie ihm der Schnabel gewachsen ist essingerisch, unbekümmert und ohne einen Blick auf die gelernten Federfuchser; er schreibt mit der ganzen Anschaulichkeit und Kraft, mit der Herzlichkeit, Menschlichkeit und dem Witz der wirklichen Volkssprache, er der arme Hund, der mißbrauchte und geschundene Mensch, der treue, fromme Essinger, den ein ungewöhnlicher Wille bewegte.

Eine bekannte Handschrift des Deifl trägt im Heeresarchiv München die Nr. HS 649. 1939 erschien von Eugen von Frauenholz ein gedruckter Auszug, der heute vergriffener ist.
Die Handschrift trägt keinen Titel - wenn man nicht ein etwa 6 cm breites, ovales Messingschildchen mit dem eingeritzten Namen "Josef Deifel" dafür nehmen will. Die Handschrift hat 911 Seiten, ist 20 cm hoch, 17 cm breit und hat eine Rückenbreite von 8 cm - ein Klotz von einem schön anzusehenden Buch. Dieses Münchner Exemplar ist in schwarzes Leder gebunden, und beide Buchdeckel sind an den Ecken mit Schutznägeln versehen. Es ist in deutscher Schreibschrift geschrieben. Man merkt der nicht ungewandten Schrift die schwere Hand des Eisenarbeiters an.



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Zuletzt aktualisiert am 10.02.2017